Definitorische Grundlagen

Der Tourismus: Eine Definition

Die Ausführungen der vorhergehenden Kapitel machten deutlich, dass der Bedeutungsgehalt des Tourismusbegirffs nicht fest steht und allein durch diejenigen temporär bestimmt wird, die ihn gebrauchen. Keller schreibt, dass nach Auskunft der Sprachphilosophie die Bedeutung eines Wortes allein dadurch bestimmt würde, wie die Sprachbenutzer es gebrauchen und nicht durch eine naturgegebene Entsprechung zwischen den Sprachzeichen und dem, wofür sie stehen (vgl. 2006: 23). Infolgedessen liefen Definitionen bzw. definierte Begriffe immer wieder Gefahr, die Wiedergabe einer Realität über die Definienden zu verfehlen (vgl. Robinson 1950: 6). Dennoch scheint es aus den Anforderungen des wissenschaftlichen Arbeitens heraus unumgänglich, zur Beschreibung eines Phänomens Definitionen und Bedeutungen von Begriffen festzusetzen, was in diesem Kapitel für den Tourismusbegriff als für diese Arbeit grundlegenden Begriff vollzogen werden soll.
Zum Einstieg soll festgestellt werden, dass bei der Definition des Tourismus die unterschiedlich zugeschriebenen Intentionen und Extensionen eine fundamentale Rolle spielen. So unterscheidet man zwischen weiten und engen Tourismusbegriffen.
Eine weite Definition von Kaspar wird in der einschlägigen tourismuswissenschaftlichen Literatur immer wieder aufgeführt (z.B. in: Bieger 2004; Freyer 2006) und verfügt somit über eine breite Akzeptanz. Den Gesamt-Tourismus definiert Kaspar als Gesamtheit aller Beziehungen und Erscheinungen, die sich aus der Reise und dem Aufenthalt von Personen ergeben, für die der Aufenthaltsort weder hauptsächlicher und dauernder Wohn- noch Arbeitsort ist (vgl. Kaspar 1996: 16). Auch die Welttourismusorganisation (WTO) verabschiedete auf ihrer Konferenz über Reise- und Tourismusstatistik 1991 eine allgemeine Tourismusdefinition, welche der von Kaspar recht nahe kommt und somit gleichfalls eher zu einer umfassenderen Form der Definitionen des Tourismus-Begriffs gezählt werden kann. Tourismus seien dieser Definition zufolge Aktivitäten von Personen, die sich an Orte außerhalb ihrer gewohnten Umgebung begeben, um sich dort nicht länger als ein Jahr für Freizeit-, Geschäfts- und andere Zwecke aufzuhalten, wobei der Hauptreisezweck ein anderer ist, als die Ausübung einer von diesem Ort aus vergüteten Tätigkeit (vgl. Opaschowski 2002: 22). In einem relativ breiten Bezugsrahmen, in welchem sich beide Definitionen dennoch in ähnlicher Weise bewegen, „[...] wird versucht, möglichst alle Formen des Reisens 'hineinzupacken' […]“ (Steinbach 2003: 10). In einem solchen Reisebegriff würden Steinbach zufolge unterschiedliche Reiseformen zusammengefasst, denen weitgehend divergierende Motivationsstrukturen zugrunde lägen und die auch durch sehr verschiedene Verhaltensmuster gekennzeichnet seien.
Engere Tourismusbegriffe hingegen grenzen das Phänomen vornehmlich nach Ort/Entfernung, Zeit/Reisedauer und Motiven ein. (vgl. Bär 2006: 8; Crick 1989: 313) So ergeben sich Begriffe, wie beispielsweise Nah- und Ferntourismus, Tages-, Kurzzeit-, Urlaubstourismus und schließlich Erholung- oder Geschäftstourismus. (vgl. Bär 2006: 8) Problem dieser engen Tourismus-Begriffe ist wohl vor allem die durch die strikte Abgrenzung der Reiseformen voneinander auftretende Divergenz zum real existierenden Tourismus, der sich majorativ durch seine Vielfalt und die sich aus dieser ergebenden Kombinationsmöglichkeiten der einzelnen touristischen Elemente bzw. Formen auszeichnet. „Typically, though, these taxonomies are incommensurable, leave out obvious distinctions, and separate phenomena that are clearly fuzzy or overlapping.“ (Crick 1989: 313) So existiert fast nie nur eine bestimmte Form des Tourismus ohne auch über Elemente anderer Formen zu verfügen.
An dieser Stelle sei explizit festgestellt, dass es kaum möglich ist, eine einzige gemeingültige Definition des Tourismus zu formulieren. Je nach Intention einer Abhandlung zum Tourismus und zu seinen einzelnen Teil-Phänomenen kann und muss allein durch den Autor bestimmt werden, welcher Tourismus-Begriff zugrunde gelegt wird, um ein bestmögliches und vor allem eindeutig beschreibendes und erklärendes Forschungsergebnis zu produzieren und um dieses dem Adressaten in weitestgehender Klarheit zugänglich zu machen. Die Feststellung der umfangreichen semantischen Wirkungsvielfalt des Tourismus-Begriffes muss aber bei allen Betrachtungen zum Tourismus-Phänomen einbezogen werden, um dem Adressaten eigene Ableitungen in alle Richtungen zu ermöglichen.

Der für diese Arbeit angewandte Tourismus-Begriff setzt sich wie folgt zusammen:

Der Arbeit wird der weite Tourismusbegriff nach Kaspar zugrunde gelegt, da dieser das universale Phänomen der Bewegung des Menschen im globalen Raum in das Praxis-Setting des Tourismus übernimmt und ich diesem Phänomen nur in seiner Universalität eine in jeder Hinsicht wichtige soziale Bedeutung für jede Gesellschaft im Gesamten und deren Mitglieder im Einzelnen zuspreche. Nur ein weit gefasster Tourismusbegriff lässt es schließlich zu, alle Einzelphänomene bzw. alle sozialen Prozesse zwischen den sich bewegenden Individuen und ihrer Umwelt im Zusammenhang zu betrachten und die Bewegung im globalen Raum als eine Praxis zu definieren, die intergesellschaftlich, interkulturell und transhistorisch funktioniert. Zudem macht es ein weiter gefasster Tourismus-Begriff möglich, die aus der Umgangssprache stammenden und damit häufig nicht oder nur begrenzt zutreffenden Konnotationen des Tourismusbegriffs und aus diesen resultierende Bewertungen zu überwinden und ein umfassenderes, in den Beziehungen seiner Einzelphänomene zueinander präziseres Bild des Tourismus zu zeichnen, das letztlich mehr, als beispielsweise nur den Erholungsaspekt in den Mittelpunkt der Motivationsstrukturen stellt. So wird es beispielsweise erst möglich, von politisch motivierten Tourismus zu sprechen, wenn eine Definition des Tourismus eine Arbeitstätigkeit nicht vollends negiert, da eine politische Tätigkeit durchaus als Form von Arbeit angesehen werden kann.

Eine Definition des politisch motivierten Tourismus


Politisch motivierter Tourismus ist jeder Tourismus, der aufgrund politischer Kommunikation im politischen System stattfindet.

Dabei ist die politische Kommunikation Grundlage und/oder Resultat der Reisepraxis. Die Reiseakteure des politisch motivierten Tourismus sind dabei entweder passiv, also Rezipienten politischer Inhalte, oder aktiv, also Über- bzw. Vermittler politischer Ideen. So kann politisch motivierter Tourismus der politischen Bildung von Menschen dienen bzw. dieser dienlich gemacht werden und/oder eine aktive Vermittlung politischer Inhalte und die politische Willensbekundung umfassen. Politische motivierter Tourismus kann somit zu einer Stabilisierung und/oder zu einer Destabilisierung/Modifizierung von politischen Ordnungssystemen beitragen. Im Mittelpunkt steht dabei immer die politische Kultur, die (auch) durch den politisch motivierten Tourismus einem stetigen Wandel durch Kulturkontakt unterzogen wird – man spricht in diesem Zusammenhang von politisch-kultureller Produktion. Touristische Bedürfnisse, wie z.B. das Bedürfnis nach dem besonderen Erlebnis, nach sensationellen Momenten, nach Ausbruch aus der Alltagswelt, nach neuen Erfahrungen und nach Kulturkontakten spielen für das Phänomen eine fundamentale Rolle. Sie dienen neben der rein politischen Motivation des Reiseakteurs als Zusatzmotivationen bzw. als Träger der politischen Motive und verhelfen politischer Kommunikation zur Deterritorialisierung und Entgrenzung. Politisch motivierter Tourismus wird ausschließlich von privaten Personen vollzogen, denen die politische Praxis keine vergütete Profession darstellt. Formen des politisch motivierten Tourismus lassen sich aus den politischen Kategorien des weiten Politikbegriffs der empirisch-analytischen Sozialwissenschaften ableiten und umfassen beispielsweise neben den eindeutigen Formulierungen wie Polit-Tourismus oder Politik-Tourismus auch solche, wie Kriegs-, Revolutions- und Demonstrationstourismus. Mit politischer Kommunikation direkt in Verbindung stehende Orte wie beispielsweise Gedenkstätten oder Denkmäler sind ebenfalls als das Phänomen Kategoriegebend anzusehen und definieren sich durch Begriffe wie z.B. Gedenkstättentourismus.