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Konzept der Studie

1. Ausgangslage: Politischer Tourismus in Lateinamerika

Die Einleitung zu diesem Exposé wurde mit einem Zitat von Christoph Columbus begonnen. Anschließend wurde gemutmaßt, dass jene delphische Aura, die dieses Zitat verströmt, in Bezug auf modernere Reisebewegungen zum Zeitpunkt der Genese eines Massentourismus verloren ging.
Nun trifft diese Einschätzung nicht ganz die Wiedergabe einer tourismushistorischen Realität, wenn sich unser Blick vom Phänomen des Massentourismus ab und gleichsam hin zu politisch motivierten Reisebewegungen mit Transformationscharakter wendet.
Auch heute machen sich schließlich Menschen auf den Weg, erfüllt von Sehnsüchten und getragen von Hoffnungen auf die Entdeckung „neuer Welten“, die ihnen etwas bereitzuhalten vermögen, das sich mehr als nur in Form von Fotos und Souvenirs in die eigene heimische Lebenswelt überführen lässt, das anders ist als das Gekannte und das näher scheint, an dem was man sich von der Welt wünscht. Die Rede ist hier von politischen Menschen, die aus ihrer „alten politischen Welt“ aufbrechen, um in „neue politische Welten“ vorzudringen, um diese zu verstehen und politische Ideenflüsse zu generieren, die wiederum zu einem Wandel eines bestimmten und von ihnen kritisierten politischen Zustands führen sollen.
Bemerkenswert ist hierbei die Rolle der lateinamerikanischen Länder. So, wie Amerika für Christoph Kolumbus und seine Begleiter ein Garant für die Entdeckung fremder ungekannter Lebenswelten war, die einerseits als Projektionsflächen für die utopischen Vorstellungen von den „Rändern der Welt“ dienten und andererseits als neue Lebens- und Wirtschaftsräume erschlossen wurden, diente und dient für viele politisch Reisende von gestern und heute der lateinamerikanische Subkontinent als politisch-kulturelle Projektionsfläche und Spielfeld alternativer politischer Ideen.
Seine Geschichte, wie sie sich aus der Kolonisierung durch die europäischen Mächte seit seiner Wiederentdeckung im 15. Jahrhundert ergab, ist diesbezüglich ein überaus einflussreicher Faktor, wenn nicht gar exklusive Basis. So prägen eine Vielzahl von Revolutionen und revolutionsähnlichen Politikentwicklungen in den verschiedenen Regionen Lateinamerikas als direkte oder indirekte Folge der Dekolonisierungsinitiativen bis in die neueste Zeit hinein die lateinamerikanische Politiklandschaft – ein „Kontinent namens Revolution“1 wurde geboren. Vor allem die jüngsten unter Ihnen bilden vielmals die ideellen Anknüpfungspunkte für sogenannte „Reisende in Sachen Sozialismus“2.
Als die bekanntesten linksrevolutionären Bewegungen der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart, die als wichtige politik-geschichtliche Marker im Bewusstsein vieler sich als linkspolitisch einordnender Menschen in aller Welt angesehen werden dürfen und die gleichsam einen „Revolutionsmythos Lateinamerika“3 heraufbeschworen, können wohl die kubanische Revolution des Jahres 1959, die Chilenische Präsidentschaft Salvador Allendes 1970 bis 1973, die Sandinistische Revolution in Nicaragua des Jahres 1979, der Aufstand der Zapatisten des Jahres 1994 in Mexiko, die sogenannte Bolivarianische Revolution in Venezuela des Jahres 1998 und schließlich die Bolivarische Präsidentschaft Evo Morales seit 2006 angesehen werden. Aufgrund dieser Politikentwicklungen gründeten sich vornehmlich in den Ländern Europas und Nordamerikas unzählige Solidaritätsbewegungen, die wiederum einen Reisestrom unter deren Anhängerschaft generierten und so einen stetigen linkspolitisch motivierten Tourismus in Lateinamerika etablierten. So wie sich in Lateinamerika aufgrund der historischen Umstände und der daraus hervorgehenden politischen Kultur eine Tradition der Revolutionskultur herausbildete, deren Akteure sich immer wieder aufeinander beziehen und berufen, so bildete sich parallel dazu auch eine politische Solidaritätskultur in den Ländern Europas und Nordamerikas heraus, die wiederum eine neue Kultur des politischen Reisens in Lateinamerika hervorbrachte. Beginnend mit den ersten sogenannten Solidaritätsbrigaden nach Nicaragua und Kuba Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts reisen bis heute in jedem Jahr tausende (politische) Menschen in die Länder Lateinamerikas, um einerseits an den aktuellen politischen Prozessen und Bewegungen (wie beispielsweise der bolivarischen Revolution in Venezuela, den aktiven Landbesetzungen durch die MST in Brasilien oder der zapatistischen Bewegung in Mexiko) in irgend einer Form zu partizipieren und andererseits um „lateinamerikanisches linkspolitisches Gedankengut“ zu erfassen, um dieses in politische Aktivitäten im Heimatland zu überführen. Der Transformationscharakter bzw. die Zweckgebundenheit dieser Reisen ist dementsprechend deutlich erkennbar.
Bereits in der Magisterarbeit wurde ein besonderes Beispiel für diese Form des Tourismus – nämlich der Brigadetourismus der IG Metall – über die Durchführung und theoretische Auswertung einer anthropologischen Feldforschung wissenschaftlich bearbeitet. Daraus ergibt sich eine Basis für das weitere Forschungsvorhaben, dessen Annahme es schließlich ist, das viele weitere politische Reisedestinationen in den unterschiedlichen Ländern Lateinamerikas existieren, die wiederum als politische Reiseziele für eine politische Linke Europas und Nordamerikas dienen.

1Begriff aus einem Artikel von Lutz Herden: http://www.freitag.de/autoren/lutz-herden/ein-kontinent-namens-revolution; Stand: 17. September 2012

2Begriff aus einem Artikel von Nikolas Werz: http://www.bpb.de/apuz/32470/revolutionsmythen-zu-lateinamerika?p=all; Stand: 17. September 2012

3Begriff aus einem Essay von Hans-Magnus Enszensberger: „Palaver: politische Überlegungen (1967-1973)“ (1974: 130).