Dark sites und

politisch motivierter Tourismus

3.2.1 Vorbemerkungen zur Bewertung und Interpretation des Phänomens

Als Folge des Anti-Tourismus verwenden Autoren der Wissenschafts- und Alltagsliteratur den Tourismusbegriff immer wieder dann, wenn es ihnen darum geht, verschiedene Reiseformen als moralisch verwerflich, minderwertig bzw. nicht ernsthaft darzustellen. Denn führt der anti-touristische Diskurs, wie im Kapitel 1 beschrieben, zu einer Wahrnehmung des Tourismus als eine allein auf den Reiseakteur bezogene Spaß- und Lustgenerierende und damit oberflächliche Reisepraxis. So kommt es vor, dass Reiseformen, die sich aus Kategorien der Politik ableiten lassen und die verbunden sind mit (politischer) Gewalt - so beispielsweise Kriegstourismus, Revolutionstourismus oder Gedenkstättentourismus - unter Begriffen wie Sensationstourismus oder Kastastrophentourismus subsumiert und ihnen infolgedessen tiefer gehende sozio-politische Funktionen abgesprochen werden. So dienten diese den Reiseakteuren ausschließlich der Befriedigung von individuellen Sensations- und Spaßbedürfnissen, seien dementsprechend als oberflächliche und minderwertige Reisepraktiken anzusehen.
Kurt Grötsch sieht beispielsweise den battle field tourism, also den Besuch ehemaliger und aktiver Kriegsschauplätze mit dem dazugehörigen Risiko als Resultate eines „pathologischen Erlebnisverlangens“. So umkreisten die „Kriegs- und Katastrophentouristen“ wie „Geier die Opfer, Täter und Tatorte“ und das sei schließlich „ethisch mehr als fragwürdig“ (vgl. 2006: 71). Besucher von sogenannten dark sites sehen sich über den Tourismusbegriff dementsprechend immer wieder einer negativen moralischen Bewertung ausgesetzt. Der Kriegstourist, als pietätloser Katastrophentourist oder der Gedenkstättentourist als respektloser Sensationstourist – beide Bilder existieren. Vermeintlich oberflächliches Konsumieren und normales, unbeschwertes menschliches Leben, das sich nach allgemeinen Verständnis im Tourismus manifestiert, steht hier offenbar in Opposition zu moralisch richtigem Handeln.
Doch führt eine rein moralische Bewertung von Reisen an 'dunkle Orte' nicht zum Ziel, welches für die wissenschaftliche und damit differenzierte Betrachtung dieser angestrebt werden sollte. Anstatt eine wissenschaftliche Praxis zu vollziehen, die ausschließlich die moralischen Bewertungen der Reisen in den Mittelpunkt der Analysen stellt und die Stone speziell in der Literatur zum dark tourism ausmacht (vgl. 2009: 60), müssen die Phänomene breiter und dementsprechend auf ihre soziale Funktion hin untersucht werden. Stone schlägt vor, dark sites nicht als Orte fehlender Moral, sondern vielmehr als communicative spaces anzusehen, in denen tragische Momente von den Besuchern immer wieder neu interpretiert werden, was wiederum zu einer permanenten Diskussion und anschließenden Regeneration von moralischen Leitbildern innerhalb einer Gesellschaft führen kann. (ebd.: 60)
Nun ist sicher nicht von der Hand zu weisen, dass Besuchern von dark sites ein besonders gesteigertes Bedürfnis nach dem sensationellen Erlebnis zugesprochen werden darf. Doch scheint es auch in diesem Zusammenhang sinnvoller, das sensationsgenerierende Moment nicht allein moralischen Bewertungen zu unterziehen, sondern ihn in Hinsicht auf dessen soziale Funktion hin zu untersuchen: Die Sensation als einmaliges und intensives Sinn-Erlebnis, das von außen an das Individuum herantritt, ist, nach Heinze und Krambrock, immer auch an Gefühle gekoppelt, die weniger dramatisch erscheinen, als die Sensationserfahrung an sich, aber eben immer auch einen bleibenden Erinnerungswert zu hinterlassen vermögen (vgl. Friedrich 2004: 8). John Locke ging mit seinem Erkenntnisansatz noch weiter und sah die Sensation neben der Reflektion als Quelle der Erkenntnis. (vgl. Trabant 1992: 52) Die Radikalisierung dieses Lockschen Ansatzes durch Condillac führte noch weiter, und sah allein die körperliche Sinnlichkeit als solche:
„Der Empirismus wird zum Sensualismus. Von der körperlichen Empfindung steigt die geistige Tätigkeit des Menschen in einem graduellen Entwicklungsprozess auf bis zu ihren höchsten Formen. Auch die höchsten Operationen des Geistes sind Verwandlungen der sinnlichen Erfahrung, sensation transformée – umgewandelte Sinneserfahrungen. Auch die höchsten Ideen wurzeln also im Körper, in diesem sündhaften Gegner des reinen Geistes.“ (ebd.: 52)
So gesehen ist ein sensationelles Erlebnis keineswegs als eine oberflächliche und nur für den Moment der Sinnesreizung relevante Tatsache zu verstehen. Reisepraxis, die auf der Produktion von sensationsgenerierenden Momenten fußt, wird so auch zu einer Praxis, die dem Akteur Erkenntnis zu stiften vermag.
Massimo Beyerle, eine italienischer Reiseveranstalter, der Reisen an ehemalige Kriegsschauplätze u.a. im südlichen Libanon und in Vukovar organisiert, preist das Reiseerlebnis als Rückkehr an Orte, die man schon mit fremden Augen bzw. durch fremde Objektive gesehen habe. Damit reichten die Reisen so nahe wie möglich an jene Schauplätze des Geschehens heran, die in den Nachrichtensendungen des Fernsehens gezeigt würden. So könnten die Kunden die Menschen dort sehen und sprechen und sich mit eigenen Augen ein Bild von der Zerstörung machen, die der Krieg angerichtet hat (vgl. Keenan 1999: 323).
„Das touristische Verlangen nach eben dieser Unmittelbarkeit, der Wunsch nach nichts Geringerem, als der Geschichte selbst zu begegnen, […] wird durch das Risiko des eigenen Todes auf eine harte Probe gestellt und erhält dadurch zugleich das Gütesiegel der Authentizität.“ (ebd.: 324). So ist auch das sensationelle Erlebnis an Orten von (politischer) Gewalt als authentisches Erlebnis zu verstehen, das einer Entfremdung entgegenwirkt. Vorgänge der Weltpolitik, die in kriegerischen Auseinandersetzungen enden, können heute theoretisch zwar von jedem über die Rezeption der Massenmedien verfolgt und wahrgenommen werden. Doch orientiert sich diese Wahrnehmung eben nur an einer indirekten, durch die Medienschaffenden gefilterten Präsentation der Umstände und ist somit naturgemäß verfälscht (vgl. Rhomberg 2008: 124). So ist das Reisen zu Orten kriegerischer Auseinandersetzungen auch als die Suche nach politischen Wahrheiten zu deuten und das sensationelle Erlebnis als ein Mittel zur politischen Erkenntnisgewinnung.
Verbindet sich nämlich der bleibende Erinnerungswert der Sensation und die aus ihm resultierende geistige Tätigkeit mit beispielsweise politischen Informationen zielgerichteter oder spontaner Natur, so kann auch von einer politischen Funktion der Sensation bzw. des sensationellen Erlebnisses gesprochen werden.
Letztlich ist das politische System bzw. der politische Raum auch überall dort zu finden, wo sich Sensationen aus politischer Kommunikation generieren bzw. in einer Vergangenheit generiert haben - namentlich beispielsweise aus Kriegen oder Revolutionen. Sensation ist damit nicht nur Resultat des Politischen sondern immer auch sein Träger. Die durch die Sensation generierte geistige Tätigkeit wird zur politischen Tätigkeit, wenn sie auf politischer Kommunikation fußt. Vom Kriegstouristen wahrgenommene und aus Krieg resultierende Zerstörung wird so zum potentiellen Anstifter politischer Kommunikation. Sobald nämlich die Tatsache von Zerstörung als Resultat politischer Praxis verstanden und die bloße visuelle Sinnesreizung beim Reisenden in geistige Tätigkeit umgewandelt wird, und sobald sich diese geistige Tätigkeit in politischer Kommunikation niederschlägt, ist Sensation eine politische Einflussgröße, selbst Teil des Politischen.
An dieser Stelle soll nun dazu übergegangen werden, die bis hierher vollzogenen Ausführungen zur politischen Wirkung der Sensation an konkreten Beispielen der Historie und Gegenwart zu belegen, denn ist die „voyeuristische Freude an der Betrachtung von Kriegsschauplätzen und sonstiger Hinterlassenschaften militärischer Auseinandersetzungen“ keineswegs als rein modernes, sondern vielmehr als uraltes Phänomen anzusehen (vgl. Hachtmann 2007: 57). Es soll hierbei unterschieden werden in politisch motivierten Tourismus, der von Aktoren vollzogen wird, die sich aufgrund eines sensationellen Ereignisses an sensationellen politischen Prozessen beteiligen, also beispielsweise eine Destabilisierung einer politischen Ordnung voranbringen, und in politisch motivierten Tourismus, im Zuge dessen Passive durch Sensationen angezogen werden und als Rezipienten von politischer Kommunikation erscheinen. Mit letzterem soll in die Betrachtungen eingestiegen werden.


Richard Sharpley schreibt, dass Sensationen in Form von dark sites auch produziert werden, um politische Anliegen zu präsentieren bzw. um politische Bildung zu verbreiten (vgl. 2009: 14). So wie das Geburtshaus Maos als Gedenkstätte eine politische Handlungslinie über die Repräsentation des Lebens einer für die politische Ordnung Chinas wichtigen Person legitimierte, so kann auch die 'Repräsentation des Todes' von Menschen in Form von Gedenkstätten politische Handlungsweisen bzw. politische Ordnungssysteme rechtfertigen. So sind dark sites, die eine in der Geschichte zurückligende politische Gewalt repräsentieren, auch als authentische Orte des Sensationellen zu verstehen.
Dementsprechend wird dieses Teilkapitel zwei Beispiele von dark sites umreißen, deren Existenz auf politische Gewaltereignisse zurückzuführen ist, die aber heute dazu genutzt werden, um eine politische Ordnung zu stabilisieren bzw. um politische Handlungslinien zu legitimieren, indem diese von den jeweiligen politischen Einheiten, also von Staaten, als 'Medien' politischer Kommunikation eingesetzt werden. Dementsprechend kann der hier beschriebene politisch motivierte Tourismus der Kategorie A1 des Akteur-Funktionsschemas zugeordnet werden.
Nach seinem Besuch am Ground Zero schreibt ein bloggender Tourist folgendes:
„Ein Feuerwehrauto ist auch da, am Broadway. Nicht für den Ernstfall, sondern für die Touristen. Lächelnd posiert der sympathische Firefighter für die Kameras, nimmt Kinder auf den Arm und lässt sich strahlend von Touristen umringen. Feuerwehrleute sind die Helden der Nation geworden, jeder will ein Foto mit ihnen haben. Gleich gegenüber - an dem großen Bauzaun - reihen sich die Stände der Souvenirhändler aneinander. Hier werden auch Bilder vom World Trade Center verkauft – vor und nach dem 11. September 2001.“
Nachdem im Zuge der als fundamental islamistisch2 geltenden Anschläge auf das New Yorker World Trade Center vom 11. September 2001 rund 4.600 Menschen ums Leben kamen, wurden die Fundamente der zerstörten Wolkenkratzer zu Gedenkstätten für tausende weit angereiste und um die Opfer trauernde Menschen. Neben der individuellen Trauer, so stellen Richard Sharpley und Philip R. Stone fest, erfülle der Ort eine ideologisch-manipulative Funktion. Sie verknüpfen damit die Schaffung von dark sites mit einer sogenannten kitschification:
„[...] the kitschification of tragic events allows the visitor to emotionally register with the period of history being commemorated/interpreted. With that emotional registration is a relationship of sentiment that is inextricably linked to political manipulation […]. (2009: 126) So würden zum Beispiel am Ground Zero angebotene Souvinirs, die das Ereignis vom 11. September in einer kitschhaften und gleichsam heroisierenden Weise verarbeiten, beim Besucher ein politisch gewolltes, weil einheits- und stärkestiftendes kollektivistisches Gefühl erzeugen. „Kitsch conveys deliberate political communiqués which in turn generate messages of fear, hope and survival.“ (ebd.: 125) Das gemeinschaftlich geteilte Empfinden von Schmerz über die Toten, das durch das authentische sensationelle Erlebnis am Ort des Geschehens noch verstärkt wird, würde letztlich zur Diskussion über die mit dem Ereignis in Zusammenhang stehenden politischen Rahmenbedingungen anleiten und zu einer einheitlichen politischen Überzeugung führen (vgl. Sharpley 2009: 125). Diese politische Überzeugung mündet letztlich auch in der Übereinstimmung von politischer Kultur und politischer Handlungslinie bezüglich des sogenannten islamistischen Terrorismus. Die politische Ordnung wird so zum einen durch den national-einheitsstiftenden Moment der Gedenkstättenrezeption und zum anderen durch die Übereinstimmung der politischen Überzeugung des Rezipienten mit der politischen Handlungslinie der politischen Führung gestärkt, denn die sogenannten Kriege gegen den Terrorismus werden im historischen Geschehen des 11. Septembers begründet und über die Wahrhaftigkeit des Geschehens, materialisiert durch die Fassbarkeit der Gedenkstätte, legitimiert - der Ort der Zerstörung wird so zur Stätte eines affirmativen Gedenkens.
Während der dark tourism der Gedenkstätte am Ground Zero ein positives national- einheitsstiftendes Moment in Opposition zu vermeintlich negativen gegnerischen Kräften mit umfasst, erinnert man sich speziell an Holocaust-Gedenkstätten in Deutschland an eigene, von Deutschen geplante, begangene und geduldete Verbrechen, deren Opfer mehrheitlich nicht dem eigenen Kollektiv angehörten. Die hier vollzogene Form des Gedenkens wird daher auch als „negatives Gedenken“ bezeichnet. (vgl. Pampel 2007: 37)
Albrecht Steinecke sieht in den Gedenkstätten zum Holocaust aufgrund der historischen Einmaligkeit und des Ausmaßes an Unmenschlichkeit, die sich an diesen Erinnerungsorten manifestiert, nicht übliche kulturtouristische Einrichtungen. Gleichzeitig stellten diese Orte des Schreckens und der Erinnerungen bekannte und stark frequentierte Besuchereinrichtungen in der jeweiligen Tourismusdestination dar (vgl. 2007: 183). Dass der Tourismus-Begriff aufgrund seiner Denunziation auch hier häufig als nicht passend angesehen wird, wenn es darum geht, dem Besuch einer Gedenkstätte ein nicht oberflächliches und damit ernsthaftes Anlitz zu gewähren, zeigen Ausführungen, wie die von Sonja Klenk. So hätte sich aufgrund der hohen Besuchszahlen in den Gedenkstätten eine touristische Infrastruktur entwickelt die z.B. kleine Kioske oder Cafés umfasse. Was bei anderen Museen nicht weiter auffallen würde, geriete hier in ein Spannungsfeld, was wiederum besonderer Sensibilität bedürfe. (vgl. 2006: 17; eigene Hervorhebung) Philip R. Stone führt aus: „[...] the representation of the Holocaust, perhaps the epidome of dark tourism, is regulary accused of being trivialised, merchandised and Americanised through its ephemeral touristic consumption. As a result, questions have been raised about the morality of both, producing and consuming the Holocaust at various memorials and museums throughout the world […].“ (Sharpley 2009: 58)
Doch nichtsdestotrotz scheinen Reisen zu Holocaust-Gedenkstätten gleichsam anderer Typen des politisch motivierten Tourismus an Sensationserlebnisse des reisenden Akteurs gekoppelt, unabhängig von der Konnotation der angewendeten Begriffe. Der politische Wert ist dabei wiederum in den aus den Sensationserfahrungen resultierenden Erkenntnisprozessen zu sehen.
Heiner Treinen zufolge schätzten die Besucher von Gedenkstätten vor allem „Visualität, direkte Sichtbarkeit also, emotionale Nähe und Konkretheit des historischen Nachvollzugs“ (vgl. Mütter; Schönemann & Uffelmann 2000: 164). Bert Pampel schreibt bezugnehmend auf eine Untersuchung eines Holocaust-Gedenkstättenbesuchs von Schülern: „Historische Gegenstände, Gebäude, Dokumente und Filme hinterlassen die stärksten Eindrücke. Mitunter geht von solchen Objekten wohl eine 'Faszination der Gewalt' aus […].“ (2007: 101) So unterstellt Pampel zwar einem Teil der Erstbesucher solcher Gedenkstätten reine Erlebnisorientierung, also die „Orientierung auf die sinnlichen Eindrücke des authentischen Ortes“ und parallel dazu die „Ausblendung von Lehrangeboten“, doch würde dies gleichsam häufig durch moralische oder politisch konnotierte Anliegen ergänzt (vgl. ebd.: 116).
„Vermutliche ginge es daher vielen Gedenkstättenbesuchern auch weniger um die Aneignung neuen Wissens, als vielmehr darum, einen Widerhall der eigenen politischen Grundhaltung zu erleben und eine bereits vorhandene Vorstellung vom historischen Ort mit der Realität abzugleichen.“ (ebd.: 116)
Debbie Lisle führt dazu aus:
„Therefore, it is perfectly acceptable to visit sites of death in order to (a) show respect for the dead and properly mourn them or (b) learn lessons about a terrible historical event so that it never happens again (Lennon & Foley 2000: 10-11). In other words, one is not being a 'voyeur' when visiting the camps of Auschwitz-Birkenau, one is learning abour the Holocaust and also commemorating it.“ (2007: 335)
Dementsprechend lässt sich auch negatives Gedenken, das an in der Historie stattgefundene Schreckenstaten der eigenen politischen Einheit erinnert, als stabilisierend für eine kontemporäre politische Ordnung derselbigen verstehen: „Gedenkstätten symbolisieren geltende kulturelle und politische Werte, indem sie die Konsequenzen ihrer Verletzung vorführen.“ (ebd.: 363) So ist es für eine demokratische Gesellschaftsordnung auch auf politisch ordentlicher Ebene förderlich und erforderlich, über ihr entgegenwirkende Ideologien wie Faschismus, Radikalismus, Nationalsozialismus etc. aufzuklären, um sich letztlich vor dem politischen Einfluss dieser zu schützen. Politisch motivierter Tourismus an Gedenkstätten des negativen Gedenkens erfüllt damit, gleichsam solchem des positiven, eine Selbsterhaltungsfunktion für die Organisationsstrukturen von Gesellschaften, also stabilisieren eine politische Ordnung, indem sie die politische Kultur vor Einflussgrößen schützen, die eine Destruktion der (demokratischen) politischen Ordnung anstreben.
Die Betrachtungen zur Bedeutung von dark sites als Vermittler politischer Kommunikation abschließend, sollen nun solche Beispiele des politisch motivierten Tourismus folgen, bei denen dark sites eine Möglichkeit zur politischen Aktion von Aktoren bieten. Dementsprechend sind diese Orte nicht als Orte ehemaliger politischer Gewalt zu verstehen, sondern als Orte politischer Aktivität, die kontemporär gewalttätige politische Auseinandersetzungen beinhalten kann.


In diesem Kapitel soll nun daran gegangen werden, den politisch motivierten Tourismus von Aktoren, also solchen Touristen zu beleuchten, die im Zuge ihrer Reise selbst Teil eines spezifischen politischen Prozesses werden und dementsprechend aktiv in das politische Geschehen eingreifen. Die Akteure verfügen dementsprechend über eine gefestigte politische Meinung, die sie im Zuge ihrer Reisepraxis in politische Kommunikation und Aktion umsetzen. Das in den folgenden Beispielen betrachtete politische Geschehen schlägt sich in politischer Gewalt nieder, namentlich in Revolution und Krieg. So kann auch hier von einer Form des dark tourism gesprochen werden.
Rüdiger Hachtmann schreibt in seinem umfassenden Werk zur „Tourismus-Geschichte“ vom Revolutionstourismus zur Zeit der Franösischen Revolution als Sensationstourismus und besonderer Form des Polit-Tourismus (vgl. 2007: 57). Mit dem Jahr 1789 beginne der Revolutionstourismus als spezifischer Typus des modernen Reisens. So frönten „fortschrittliche Zeitgenossen“4 seit Ende des 18. Jahrhunderts gern einem Revolutionstourismus und wären dabei neben politischen Identifikationen und Sensationsgier auch vom Wunsch getrieben, Weltereignisse aus erster Hand mitzuerleben. Demnach hätte die Mehrzahl der deutschen Revolutionstouristen dem unruhigen Paris schon in der frühen Revolutionsphase ihre Aufwartung gemacht und die Rolle von Berichterstattern für die in Deutschland verbliebenen eingenommen. So dienten diese, so Ernst Wolfgang Becker, als „Agentur der Informationsvermittlung zwischen dem Mutterland der Revolution und dem politisch als rückständig eingeschätzten Deutschland“ (1988: 14). Hachtmann unterscheidet bei seiner Aufzählung bekannter Frankreich-Reisender dieser Zeit in reine Beobachter und aktive Beteiligte. So hätte Wilhelm von Humboldt in seinen „Pariser Tagebüchern“ zwar das unruhige Paris beschrieben, doch blieben diese Ausführungen solche eines „am Augenschein haftenden Städtetouristen“ (vgl. 1999: 39). Karl Friedrich Reinhard hingegen, so Becker, wäre schon 1787 nach Bordeux gegangen, wo ihn die Nachricht der Pariser Revolution erreichte, derer er sich sogleich anschloss. Reinhard beschreibe demnach detailliert politische Aktionen, Verhandlungen und allgemeine Stimmungsbilder und betreibe sogleich eine Ursachenanalyse. (vgl. 1988: 14)
Auch Axel Kunh unterscheidet in ähnlicher Weise:
„Einige verhielten sich, wie auf einer traditionellen Bildungsreise des 18. Jahrhunderts. […] Andere reisten zwar der Revolution wegen nach Paris, kehrten aber […] nach kurzer Zeit zurück. Eine dritte Gruppe ließ sich tiefer auf die Revolution ein. Sie blieb, freiwillig oder gezwungenermaßen […] Einige von ihnen traten als Soldaten oder Diplomaten in französische Dienste […]; andere versuchten nach Deutschland hinein politisch zu wirken. (Gestrich & Krauss 1998: 50)
Die Relevanz des Sensationsaspekts beim Revolutionstourismus beschreibt Christoph Türcke wie folgt: „1789 sind die Sensationen par excellence noch die revolutionären Ereignisse aus der Spezies des Unerhörten außerhalb der bisher bekannten Natur und Ordnung der Dinge.“ (2002: 119) Sensation hieße in diesem Zusammenhang ferner, ein produzierter Zustand schweifender Unruhe und Erregung, des Begehrens und Aufbegehrens: die psychosoziale Gärung. Die spektakulären Ereignisse, die so mächtig ins Sensorium eindrangen, die starken Reize, denen es gelang, sich signifikant einzuprägen, hätten so die paradoxe Wirkung der Strukturierung durch Erschütterung ausgeübt: „[…] sowohl im einzelnen Gemüt, als auch im öffentlichen Raum, indem sie schockhaft Orientierungsmarken setzen, um die das diffuse Publikum sich solange schart, wie der Schock nachwirkt.“ (ebd.: 119; eigene Hervorhebung)
Der historischen Relevanz des Ereignisses der Französischen Revolution ungenügend muss hier dennoch aus Platzgründen mit den Betrachtungen zu dieser abgeschlossen werden. Hier bleibt letztlich - für diese Arbeit vordergründig wichtig - festzustellen:
Der Revolutionstourismus im Zuge der Französischen Revolution stellt teilweise ein bemerkenswertes historisches Beispiel für eine Form des destabilisierenden politisch motivierten Tourismus dar und ist somit der Kategorie B2 des Akteur-Funktionsschemas zuzuordnen. So reisten einerseits europäische und vor allem deutsche Aktoren zu den Orten der direkten Auseinandersetzungen zwischen französischen Revolutionären und Hegemonen, um selbst Teil dieser Auseinandersetzungen zu werden, und um beispielsweise durch politische Aktionen zur Einführung eines neuen politischen Ordnungssystems beizutragen.
Andererseits trugen deutsche Revolutionstouristen durch eine Berichterstattung in die deutschen politischen Einheiten5 zu einer Destabilisierung der selbigen bei, denn wurde diese Berichterstattung im Zuge ihrer Rezeption im Heimatland auch zu einer gewissermaßen politischen Bildung für die Daheim gebliebenen, schließlich zur Propaganda für die revolutionären Ideen6 und zu einer Anleitung zur Durch- und Umsetzung dieser.
Als ein weiteres bemerkenswertes Beispiel des dark tourism, bei dem sich die politische Motivation der reisenden Akteure klar herausstellt, bietet der Kriegstourismus zur Zeit des spanischen Bürgerkriegs7. Auch hier war es das sensationelle Ereignis, das Menschen aus aller Welt anzog um es mit eigenen Augen zu betrachten und sich letztlich auch daran zu beteiligen: „Die Freiwilligen strömten in Scharen mit Begeisterung aus Europa und Amerika zusammen, um der Republik im 'Kampf gegen den Faschismus' zu Hilfe zu eilen.“ (Seidel 2006: 118)
So reisten seit 1936 circa 59.000 Freiwillige (vgl. ebd.: 118) aus unterschiedlichen Nationen, mobilisiert meist durch kommunistische Gruppen der jeweiligen Herkunftsländer, in das Kriegsgebiet, um an den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Republikanern und Franquistas teilzunehmen. Ähnlich wie die deutschen Revolutionäre in Frankreich waren diese sogenannten Interbrigadisten getrieben von einem politischen Glaubensbekenntnis, das sich hier gegen eine faschistische Diktatur richtete und für eine republikanische Gesellschaftsordnung plädierte. Ein Auszug der Hymne der Internationalen Brigaden formuliert dieses politische Glaubensbekenntnis wie folgt:

Wir, im fernen Vaterland geboren, / nahmen nichts als Hass im Herzen mit.
Doch wir haben die Heimat nicht verloren, / uns’re Heimat ist heute vor Madrid.
[…]
Spaniens Brüder steh’n auf der Barrikade. / Uns’re Brüder sind Bauer und Prolet.
Vorwärts, internationale Brigade! Hoch die Fahne der Solidarität!
(DePauli-Schimanovich 2007: 285)

Interessant ist es hier, zu bemerken, dass es diesen internationalen freiwilligen Kampfverbänden nicht allein um den Kampf für eine bestimmte politische Ordnung ausschließlich in Spanien zu gehen schien, sondern vielmehr um den Kampf für eine internationale politische Ordnung, die sich auf dem Begriff der Solidarität gründet und sich gleichsam an republikanischen aber auch an kommunistischen Idealen orientiert. „Durch den Einsatz der Internationalen Brigaden verfestigte sich auch der Eindruck, dass in Spanien ein Krieg zwischen 'Faschismus' und 'Anti-Faschismus' ausgetragen wurde.“ (Seidel 2006: 118)
Der Kampf um ein antifaschistisches Spanien sollte sich somit auch auf die poilitische Ordnung der jeweiligen heimatlichen politischen Einheit des Brigadisten auswirken. So stellte die Beteiligung am spanischen Bürgerkrieg gerade für deutsche Antifaschisten und Kommunisten eine Gelegenheit dar, indirekt auch die Verhältnisse in der Heimat nach den eigenen Vorstellungen beeinflussen bzw. ändern zu können. „Für deutsche und italienische Antifaschisten bedeutete die Teilnahme am Kampf gegen die spanischen Aufständischen indirekt an einem Krieg gegen die faschistischen Diktatoren zu partizipieren.“ (Bernecker 2007: 86) Die erstrebte Niederlage Francos wäre dementsprechend mit Machtverlust, zumindest mit Machtreduktion Hitlers und Mousilinis gleichgesetzt worden. Ein großer Teil der deutschen Interbrigadisten bestand aus Publizisten, Intellektuellen und Literaten was dazu führte, dass diese eine Berichterstatterfunktion einnahmen (ebd.: 86), die letztlich auch zur politischen Meinungsbildung in Deutschland und damit zur politischen Umkehr bzw. Abkehr der (deutschen) Bevölkerung vom Nationalsozialismus führen sollte.
Auch hier ist wieder eine Ähnlichkeit zwischen den Brigadisten und den deutschen Revolutionären im Frankreich des späten 18. Jahrhunderts zu bemerken, denn auch letzteren ging es im Zuge ihrer Beteiligung an den 'fremden' Auseinandersetzungen nicht allein um die Einführung eines neuen politischen Ordnungssystems innerhalb Frankreichs, sondern eben auch um die Übertragung neuer bzw. alternativer politischer Ideen auf das politische Ordnungssystem der deutschen Heimat bzw. um die Ingangsetzung einer „eigenen“ deutschen Revolution.
Der politisch motivierte Tourismus des Spanischen Bürgerkriegs kann damit, gleichsam dem der Französischen Revolution, klar der Kategorie B2 des Akteur-Funktionsschemas zugeordnet werden. Hier sei, bezugnehmend auf die im zweiten Hauptteil dieser Arbeit dargestellte Feldforschung zum gewerkschaftlich organisierten Brigade-Tourismus, noch bemerkt: Der Begriff Brigade behält bis in unsere Gegenwart hinein an Bedeutung für politisch motivierte Reisende, die sich selbst als Anti-Faschisten bezeichnen. So nennen sich schließlich auch die von mir untersuchten Reisegruppen aufgrund der empfundenen Nähe der politischen Einstellung zu den Idealen der Interbrigaden des Spanischen Bürgerkriegs (Gewerkschafts-)Brigaden.
Bei den beiden in diesem Teilkapitel dargestellten Beispielen stellt sich in bemerkenswerter Art und Weise heraus, wie die touristischen Bedürfnisse nach dem anderen Erlebnis, nach Gegenwelten, nach Abenteuer und authentischer Erfahrung im Zuge politisch motivierten Tourismus in politischer Kommunikation münden und die reisenden Akteure so selbst zum festen Bestandteil des Politischen avancieren.

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Bild- und Literaturnachweise im PDF der Magisterarbeit:
"Politisch motivierter Tourismus: Aspekte und Dimensionen des politischen Reisens"